Cannabis und Schule

Handreichung für Schulleiter und andere Präventionsakteure

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Legalisierung von Cannabis für Erwachsene und die begleitende politische Diskussion setzt Verantwortungsträger unter Druck, sichtbare Maßnahmen zum Jugendschutz zu ergreifen. Es zeichnet sich ab, dass hierbei vor allem auf Wissensvermittlung gesetzt werden soll.
Diese Strategie – sofern isoliert und ohne Kompetenzvermittlung durchgeführt – wurde in den vergangenen 30 Jahren von der internationalen Forschungsgemeinschaft wiederholt als unwirksam befunden.

Die Expertenliteratur betont ausdrücklich, dass wirksame Prävention im Bildungswesen vor allem auf die systematische Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen und die Schaffung eines sicheren und unterstützenden Lernumfeldes abzielt. Entwicklungsfördernd angelegte Prävention trägt darüber hinaus zur Verringerung des Auftretens anderer Problemverhaltensweisen wie Gewalt bei und verbessert den Bildungserfolg. Geeignete Maßnahmen haben zum Teil „beträchtliche Wirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen„.

Der Gesetzgeber hat mit dem Gesetz zur Stärkung der Prävention und Gesundheitsförderung (§ 20a SGB V) eine Rechtsgrundlage geschaffen, die es ermöglicht, die Einführung und Verankerung von Programmen der Prävention und Gesundheitsförderung in Schulen finanziell abzusichern. Die Legalisierung von Cannabis kann als Chance begriffen werden, eventuell bestehende Lücken in schulischen Präventionskonzepten durch wissenschaftlich geprüfte Maßnahmen zu schließen.

Es ist Zurückhaltung geboten, die Freigabe von Cannabis für Erwachsene durch eine verstärkte Wissensvermittlung bei nicht konsumierenden Jugendlichen zu begleiten. Informiert werden müssen vor allem deren erwachsenen Begleiter (u.a. Eltern, Schulpersonal), deren Haltung zum Konsum von großer Bedeutung ist.

Diese Handreichung gibt einen Überblick über anerkannte Prinzipien und Programme, die gesichert zu einer Reduktion des Konsums von psychoaktiven Substanzen – einschließlich Cannabis – beitragen können.

Mit freundlichen Grüßen

Maximilian von Heyden, M.Sc. Public Health, B.A. Soziale Arbeit
Vorstandsvorsitzender FINDER Akademie

Geringes Wissen über psychoaktive Substanzen ist kein Risikofaktor für deren Konsum. Wissensvermittlung ist keine wirksame Präventionsstrategie.

Wirksame Präventionskonzepte setzen auf Maßnahmenbündel, die eine gesunde Entwicklung von Heranwachsenden fördern und eventuell bestehende Entwicklungsrisiken identifizieren und absenken.

90,7% der 12 bis 17-jährigen haben noch nie Cannabis konsumiert. Diese normative Tatsache zu vermitteln wirkt schützender, als implizit zu suggerieren, dass Cannabiskonsum weit verbreitet sei.

Wirksame Präventionsprinzipien

Tabelle 1 Wirksame Prinzipien der Suchtprävention im Setting Schule gemäß den WHO International Standards for Drug Use Prevention

Frühe Kindheit Mittlere Kindheit Frühes Jugendalter Jugendalter Erwachsenenalter
Selektiv

Frühkindliche Bildung

★★★★

Universell

Persönliche und soziale Kompetenz

★★★

Universell

Verbesserung der Klassenführung / Unterrichtsgestaltung

★★★

Selektiv

Maßnahmen zur Erhöhung der Bindung an die Schule

★★

Universell und selektiv

Präventive Bildungsangebote, die auf der Vermittlung persönlicher und sozialer Kompetenz basieren und die Bedeutung sozialer Beeinflussung thematisieren

★★★

Universell

Maßnahmen zur Verbesserung des Schulklimas und der Unterrichtsqualität

★★

Indiziert

Gezielte Maßnahmen zur Adressierung vulnerabler Kinder

★★

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2013 und 2018 wirksame Präventionsprinzipien in den International Standards for Drug Use Prevention zusammengestellt. Die Expertise zur Suchtprävention der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommt zu weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen.

Anmerkungen: Hinweis auf Wirksamkeit (★★ ausreichend/ ★★★ gut/ ★★★★ sehr gut).
Universell = für die Gesamtbevölkerung geeignet; selektiv = für besonders gefährdete Gruppen geeignet; indiziert = für besonders gefährdete Personen geeignet.

Wirksame Präventionsprogramme

Eine im Jahr 2017 im Auftrag des Bundesministerium für Gesundheit durchgeführte Studie hat untersucht, welche weltweit verfügbaren Präventionsprogramme nachgewiesene positive Effekte in Bezug auf den Cannabisgebrauch bei Jugendlichen aufweisen. Mit REBOUND (ab Klasse 9) und Unplugged (Klasse 7 oder 8) wurden zwei bereits seit 10 Jahren im Bundesgebiet etablierte Programme identifiziert, die in deutscher Sprache vorliegen und im Rahmen kontrollierter Studien diesen Nachweis geführt haben. Wie Sie der Tabelle entnehmen konnten, muss effektive Prävention nicht zwingend Cannabis thematisieren. Wir stellen Ihnen deshalb nachfolgend neben REBOUND und Unplugged auch die Programme IPSY und das KlasseKinderSpiel vor. Weitere unabhängig geprüfte Präventionsprogramme können in Deutschland der Webseite Grüne Liste Prävention entnommen werden, die vom Landespräventionsrat Niedersachsen in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover vorgehalten wird.

Die Einführung von Präventionsprogrammen erfordert personellen Einsatz und nimmt oftmals einige Monate Vorbereitungszeit in Anspruch. Da durch die Neuregulierung von Cannabis ein akuter Informationsbedarf bei Lehrkräften entsteht, möchten wir auf zwei Angebote hinweisen: Zum einen auf den Online-Kurs „Cannabis und Schule: wissen, verstehen, handeln“ des Bayerischen Zentrums für Prävention und Gesundheitsförderung (ZPG), der in Kooperation mit der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen entwickelt wurde. Zum anderen auf den speziell für Lehrkräfte und Eltern konzipierten Bereich des Portals „cannabispraevention.de“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Zur Rolle von Fachkräften und Entscheidungsträgern

Die Verbreitung von wissenschaftsbasierten Ansätzen in der öffentlich finanzierten Prävention und Gesundheitsförderung erfordert Veränderungen in der Entscheidungsfindung, einschließlich der Abschaffung populärer, aber wirkungsloser Ansätze. Personen mit Gestaltungsmöglichkeit (sei es in Verwaltung oder Praxis) haben eine Schlüsselfunktion bei der Professionalisierung des Feldes.

Es gibt Programme für die Sekundarstufe, die eine Reduktion des Alkohol- und Cannabiskonsums nachgewiesen haben.

Die „Grüne Liste Prävention“ hilft dabei, die oft schwer zu navigierende Landschaft der Präventionsprogramme zu strukturieren und unterstützt so Fachleute und Entscheidungsträger dabei, geeignete und wirkungsvolle Maßnahmen für ihre spezifischen Bedürfnisse und Kontexte zu finden. Auch auf europäischer Ebene gibt es mit Xchange ein Register geprüfter Präventionsmaßnahmen.

Die Europäische Drogenbehörde bietet mit dem „Europäischen Präventionscurriculum“ eine Weiterbildung für Koordinatoren, Entscheidungsträger und Praktiker mit gestaltendem Einfluss zu den neuesten Erkenntnissen über effektive Präventionsmaßnahmen.

Programme mit präventiver Wirkung auf den Cannabiskonsum

REBOUND – Lernen, mit Risiken umzugehen

REBOUND ist ein manualisiertes Risikokompetenzprogramm für Jugendliche ab 14 Jahren. Das Programm umfasst Elemente der Verhaltens- und Verhältnisprävention und wird an Schulen von weitergebildeten Fachkräften (Lehrkräfte, Sozialarbeit) in der 9. oder 10. Klassenstufe durchgeführt.

Die Ergebnisse der Evaluationsstudie zeigten bereits nach sechs Monaten einige positive Effekte. REBOUND trägt zu einem kontrollierten Gebrauch von Alkohol bei, zu einer Reduktion von Betrunkenheitserfahrungen, zeigte eine Zunahme an Wissen über psychoaktive Substanzen und einen Rückgang des Cannabiskonsums.

Unplugged – Suchtprävention im Unterricht

„Unplugged“ ist ein manualisiertes Unterrichtsprogramm für Schulen zur Prävention des Konsums und Missbrauchs legaler und illegaler Substanzen bei 12 bis 14-jährigen. Es wird von weitergebildeten Lehrkräften in der 7. oder 8. Klassenstufe durchgeführt. Das Programm kombiniert die Korrektur normativer Überzeugungen über Substanzkonsum mit der Förderung von Sozial- und Lebenskompetenz.

Die Ergebnisse der Evaluationsstudie zeigten positive Effekte bezüglich der Verringerung von Erstkontakten mit psychoaktiven Substanzen, einen deutlichen Rückgang des Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsumrisikos und anhaltende positive Effekte bei Phasen des Rauschtrinkens und des regelmäßigen Cannabiskonsums.

Weiterführende Informationen finden Sie in der Grünen Liste Prävention oder auf der Webseite rebound.schule

Weiterführende Informationen finden Sie in der Grünen Liste Prävention oder auf der Webseite unplugged.schule

Beispiele für Programme mit suchtpräventiver Wirkung ohne spezifischen Cannabisbezug

IPSY – Information und psychosoziale Kompetenz

IPSY ist ein manualisiertes Lebenskompetenzprogramm zur Primärprävention von Alkohol- und Tabakmissbrauch. Es ist interaktiv, speziell auf Jugendliche zugeschnitten, lebensweltorientiert und wird von geschulten Lehrkräften in den Klassenstufen 5 bis 7 durchgeführt.

Die Ergebnise der Evaluationsstudie zeigten, dass „IPSY“ den Alkohol-Erstkonsum bei Jugendlichen langfristig hinausgezögert, den Anstieg der Konsumhäufigkeit reduziert, den alterstypischen Konsumanstieg des Rauchens oder Alkoholtrinkens eindämmt, die Distanz zukünftigen Konsums stärkt und die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Peerdruck fördert und erhöht.

KlasseKinderSpiel

Das Grundschulprogramm basiert auf lerntheoretischen Grundlagen und wurde vor mehr als 35 Jahren von einem Lehrer in den USA entwickelt (Good Behavior Game). Es ist eine Form der Verhaltenssteuerung durch die Belohnung von positivem Arbeitsverhalten von Schülern während der Arbeitsphasen im Unterricht. Lehrkräfte bekommen in einer halbtägigen Veranstaltung die Inhalte des KlasseKinderSpiels durch Videopräsentationen, Impulsreferate oder Kleingruppenarbeiten vermittelt.

Das Spiel wurde vor mehr als 35 Jahren entwickelt und besitzt eine lange Forschungsgeschichte. Es wurde vielfach erprobt und evaluiert (mehr als 20 Studien in verschiedenen Schularten und mit Schülern verschiedenen Alters von der Vorschule bis zum Jugendalter). Es konnte gezeigt werden, dass das Programm eine bis in das Erwachsenenalter andauernde Wirkung im Bereich Gewalt / Delinquenz (inkl. Mobbing), Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Rauchen und Schulabbruch hat.

Weiterführende Informationen finden Sie in der Grünen Liste Prävention oder auf der Webseite ipsy.uni-jena.de

Weiterführende Informationen finden Sie in der Grünen Liste Prävention

Unterstützer

Dr. med. Gregor Burkhart, Master of Public Health
Präsident Europäische Gesellschaft für Präventionsforschung
Principal Scientific Analyst Public Health Unit Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht

Prof. Dr. Günter Dörr
ehemaliger Direktor des Landesinstituts für Präventives Handeln (Saarland)

Andrea Hardeling
Geschäftsführerin Brandenburgische Landesstelle für Suchtfragen e.V.

Prof. h.c. (ONMU) Erich Marks
Geschäftsführer DPT – Deutscher Präventionstag

Jun.-Prof. Samuel Tomczyk
Universität Greifswald, Institut für Psychologie, Digital Health and Prevention

Schreiben Sie uns eine E-Mail, wenn Sie ebenfalls namentlich bekräftigen möchten, dass Prävention und Gesundheitsförderung in Schule evidenzbasiert ausgerichtet und auf wenig wirksame oder potenziell konsumfördernde Maßnahmen verzichten soll.

FINDER e.V.

Schützenstraße 6A

10117 Berlin